Biodiversität kann man auch anbauen!

… so der Leitspruch der Organisatoren der internationalen Begegnungen von Saatgutinitiativen, die zwischen dem 27. und 30. September in Boulazac in der Dordogne stattgefunden haben. Biodiversität anbauen, besprechen und feiern – das war das war Programm der Rencontres Internationales des Maisons des Semences Paysannes.

Als Vertreter der luxemburgischen Initiative SEED – Som fir d’Erhaalen an d’Entwécklung vun der Diversitéit – nahmen wir an dieser Tagung teil, um uns mit anderen Saatgut-Initiativen auszutauschen und von ihnen zu lernen. Über 300 Landwirte, Gärtner, Wissenschaftler und Verbraucher aus fünf Kontinenten hatten zusammengefunden, um über ihre Erfahrungen rund um die Vielfalt von Kulturpflanzen zu berichten.

So sehr sich die Funktionsweisen und Arbeitsumfelder der teilnehmenden Gruppen auch unterscheiden, verbinden sie doch gemeinsame Ziele, nämlich die Nutzung einer großer Vielfalt an Getreide-, Gemüse-, Obst-, Futter- und anderer Nutzpflanzen zu fördern sowie deren Bedeutung über rein wirtschaftliche Gesichtspunkte hinaus zu vermitteln. Von dieser Vielfalt hängen nämlich nicht nur landwirtschaftliche Erträge und Gewinne ab, sondern auch die Gesundheit unserer Böden und die Möglichkeiten von Menschen weltweit, sich ausgewogen mit Lebensmitteln zu ernähren, die auch ihrer Kultur entsprechen. Letzteres ist das Unterscheidungsmerkmal zwischen einer Ernährungssouveränität und einer rein materiellen Ernährungssicherheit. Die indische Delegation der Organisation Deccan Development Society konnte die enge Beziehung zwischen dem Menschen und seinen Kulturpflanzen mit einem Lied besonders eindrucksvoll illustrieren: „Kleine Hirse, wie könnte ich dich und meine rote Erde verlassen und alleine bleiben, wenn du doch Teil meines Lebens bist?“ Doch auch an der politischen Dimension ihrer Arbeit kommen die Menschen nicht vorbei, die weltweit die Erhaltung, die Weiterentwicklung und den Tausch von lokal angepasstem Saatgut fördern. Wer sein Saatgut selbsbestimmt herstellen und nutzen möchte, macht sich zwar einerseits unabhängig von zunehmend monopolisierten Saatgutmärkten und muss sich dann andererseits aber mit teilweise recht resitriktiven Saatgutgesetzgebungen auseinandersetzen.

Es wurden nicht nur beispielhafte Projekte vorgestellt, sondern auch praktische Handgriffe und Schwierigkeiten in der Saatgutarbeit im Rahmen von Workshops diskutiert. So stellten wir uns die Frage, wie neben dem Saatgut auch die lokalen und tradionellen Kenntnisse und Fertigkeiten um dieses Saatgut gesammelt, wiederbelebt und weitergegeben werden können. Wie Initiativen, die Saatgut vemehren und tauschen, die Verbreitung samenbürtiger Krankheiten verhindern können, war ein weiteres Arbeitsthema. Zur Meisterung dieser Herausforderungen wurden partizipative Herangehensweisen besprochen. Wenn die lokale und gemeinschaftliche Saatgutarbeit Ziel ist, müssen auch diese Facetten gemeinschaftlich diskutiert und Lösungsansätze unter Beteiligung der Nutzer des Saatguts entwickelt werden.

Das Programm der Begegnungen beließ es nicht bei der Theorie; die Kulturpflanzenvielfalt wurde auch erlebt und gefeiert, nicht nur bei den Mahlzeiten. Zum Abschluss der Veranstaltung wurde ein Festival der Vielfalt organisiert, bei dem Saatguttauschmärkte, Verkostungen, kurze praktische Workshops und Konzerte stattfanden.

In der Nähe konnte auch das Versuchs- und Demonstrationsfeld für Sonnenblumen- und Maissorten, zwei in der Dordogne weitverbreitete Kulturen, besucht werden (Abbildungen 1 und 2). Als sie Ende der 90er Jahren Meldungen über GVO-Verunreinigungen in Bio-Maissaatgut hörten, begannen Bio-Bauern der Vereinigung Bio d‘Aquitaine, Populationssorten von Mais zu sammeln, zu sichten, auszulesen und zu vermehren. Wenn die beteiligten Landwirte nun über die stattliche Sammlung ihrer eigenen Mais- und Sonnenblumensorten blicken, erinnern sie sich mit Humor an die Anfänge ihres Unterfangens, als sie zum Beispiel feststellen mussten, dass Guatemaltekischer Mais im Südwesten Frankreichs nicht abreift und sie sich die Fertigkeiten der Saatgutvermehrung wieder selbst beibringen mussten. Heute haben sie nicht nur lokales Saatgut zur Verfügung, sondern untersuchen in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern auch die verschiedenen Nutzungsmöglichkeiten ihrer Sorten. Ihnen ist nämlich nicht nur die Unabhängigkeit von einem globlisierten Saatgutmarkt wichtig, sondern auch die Verbindung ihrer Erzeugnisse mit dem terroir,  also ihrer Region und Kultur. Ähnliche Motivationen dürften die Mitglieder der Erzeugergemeinschaft  Le biau Germe bewegen, die in der Aquitaine biologisches, samenfestes Gemüsesaatgut erzeugen. Ein Besuch bei dieser Erzeugergemeinschaft vermittelte nicht nur die Begeisterung für Form- und Farbenvielfalt des Gemüses, sondern auch einen Überblick über die vielfältigen Methoden, Vorgehensweisen und Philosophien von Gemüsesamenbauern, seien sie nun Profis oder Hobby-Gärtner (Abbildungen 3 und 4).

Stephanie Klaedtke und Frank Adams

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