Evolutive Züchtung

Genetische Vielfalt als Garant für die Zukunft

Samenbau im Zeichen des Klimawandels

Egal, ob der aktuelle Klimawandel nun anthropogen ist und außergewöhnlich schnell voranschreitet oder nicht, klimatische Veränderungen hat es auf unserem Planeten immer gegeben.

Die damit einher schreitenden Veränderungen der Lebensbedingungen haben bei den Pflanzen und Tieren evolutive Entwicklungen gefördert. Man kann sagen, die Lebewesen haben sich ständig und fortschreitend an die sich verändernden äußeren Voraussetzungen angepasst.

In der Züchtung der Nahrungspflanzen wird dem Aspekt der langfristigen pedo-klimatischen Veränderungen nur partiell Rechnung getragen. Die moderne Pflanzenzüchtung konzentriert sich in der Sortenentwicklung eher auf den Jetzt-Zustand. Wenn Resistenzen gegen Schädlinge und Krankheiten angezüchtet werden, ist dies immer eine Momentaufnahme einer spezifischen Situation. Die Entwicklung einer Kulturpflanze durch die Jahrzehnte und Jahrhunderte ist selten ein Kriterium der züchterischen Arbeit.

Dennoch ist gerade der Aspekt der Anpassung der Pflanzen an sich (zur Zeit dramatisch schnell) verändernde Kulturbedingungen besonders wichtig, wenn es darum geht Sorten nicht nur für heute sondern auch für die Zukunft zu züchten.

Zwar weiß man nicht so genau, wohin die allgemeine Entwicklung gehen wird, aber das ist auch nicht entscheidend. Wichtig ist nur ein reicher Schatz an genetischen Ressourcen, oder anders gesagt, an Sortenvielfalt, die eine riesige Auswahl an Genen darstellt. Dieser Aspekt kann mit einem Kartenspiel verglichen werden: Je mehr Karten man in der Hand hat, auf umso mehr Situationen kann man mit der richtigen Karte reagieren.

Die traditionellen Sorten unserer Kulturpflanzen werden nicht aus Nostalgie erhalten. Sie stehen in einer ununterbrochenen genealogischen Reihe seit dem Beginn der Züchtung, als die ersten Bauern anfingen Kulturpflanzen aus Wildpflanzen zu entwickeln. Sie tragen die genetischen Informationen aus der Vergangenheit in die Gegenwart und weiter in die Zukunft in einem fortwährenden Evolutions-Prozess. In diesem Aspekt entsprechen die traditionellen Kulturpflanzen, die (Pflanzen-)Generation auf Generation angebaut, züchterische verbessert und vermehrt werden, den Entwicklungsprozessen, die auch in der wilden Natur ablaufen.

Um den Menschen eine möglichst natürliche Nahrung gewähren zu können, sollte die Pflanzenzüchtung so dicht wie möglich an der Natur als Vorbild bleiben.

Evolutive Züchtung

Eine evolutive Züchtung zu betreiben heißt, dass man zwar auf der einen Seite eine Sorte mit ihren spezifischen Eigenschaften erhalten kann, sie sich auf der anderen Seite aber auch weiter entwickeln lässt. Dabei leitet man die Pflanze natürlich in eine gewünschte Richtung. Das bedeutet, dass man gezielt vorteilhafte Eigenschaften fördert. Ein Beispiel ist die traditionelle Lauch-Sorte „Blau-grüner Winter“. Es handelt sich um eine frostharte dunkel blättrige Sorte, die ursprünglich einen relativ kurzen weißen Schaft hatte. Da ein langer weißer Schaft in der Regel besser beim Kunden ankommt und darüber hinaus auch kulturtechnische Vorteile bietet, ist de Sorte im Laufe der Jahre auf einen immer längeren weißen Schaft gezüchtet worden. Der Sortenstamm „Blau-grüner Winter“ bleibt so erhalten (Erhaltungszüchtung), es entshet aber ein neuer Typ mit längerem Schaft. Bei diesem Beispiel handelt es sich also um eine Weiterentwicklung einer bestehenden Sorte.

Eine dem Thema evolutive Züchtung besser entsprechendes Beispiel ist das der Frostresistenz.

Auch hier ist der „Blau-grüne Winter“ als Beispiel geeignet. Es gibt Jahre, in denen ein starer Frost herrscht, bisweilen so stark and anhaltend, dass selbst der winterharte Blau-grüne Winter ums Überleben kämpfen muss. Wenn auf einem Porree-Beet nach Winterende nicht mehr viele Lauchstangen überlebt haben, so sind es eben diese, die für die evolutive Züchtung benutzt werden. Die überlebenden Pflanzen haben also eine natürliche Selektion durchgemacht und sich somit als Kandidaten für den Samenbau qualifiziert.

Die klimatischen Veränderungen der letzten Jahre lassen aber keine eindeutigen Tendenzen erkennen. Es sieht so aus, als wenn wir in eine Zeit der Instabilität gekommen sind. Das Klima verändert sich, zeigt aber nicht einfach neue Strukturen, sondern wartet mit einer allgemeinen Unregelmäßigkeit auf. So kommt es manchmal vor, dass auf einen langen Winter ein heißer, trockner Frühling folgt,  und der Sommer dann grau und kühl bleibt; oder aber wechseln sich lange Regenzeiten mit langen Trockenzeiten ab; oder auf einen kalten Tag folgte in heißer und dann wieder ein kalter.

Einige Pflanzenzüchter fragen sich schon, auf welche neuen Situationen sie denn nun züchten sollen: lange Winter, kühle Sommer, Trockenheit, Nässe?

Es sieht so aus, als ob wir Pflanzen bräuchten, die mit jeder Situation zurecht kommen; Pflanzen, die flexibel auf Unregelmässigkeiten reagieren können.

Dazu (man denke an das Beispile des Kartenspiels) braucht es eine große genetische Bandbreite innerhalb einer Pflanzenart aber vielleicht auch sogar innerhalb einer Sorte.

Sorten und Populationen

Nach der bestehenden Saatgutgesetzgebeung muss eine Sorte homogen, beständig und unterscheidbar sein. Eine Sorte, die im offiziellen Saatgutkatalog eingeschrieben ist, hat klare, bis ins Detail genau beschriebene Eigenschaften. Wenn diese präzise definierten Eigenschaften in einem Pflanzenbestand einer Sorte nicht bei der Mehrzahl der Individuen nachzuweisen sind, ist der Bestand nicht sortenecht.

Aus kommerziellen Gründen ist es wohl unabdingabr, dass ein Produkt klar zu beschreibende Eigenschaften hat und es auch klar von einem anderen Produkt unterschieden werdem kann. Bei Lebewesen wie Pflanzen bedeutet dies aber, dass jede Veränderung und Weiterentwicklung unterdrückt werden muss. Dies entspricht aber nicht dem Prinzip der Natur Sie ist immer in Bewegung und muss es auch sein, denn „Stillstand ist Rückschritt“.

Der Sortenbegriff hat seinen Bestand im kommerzialisierten Saatguthandel; im Bereich einer naturnahen, zukunftsgerichteten evolutiven Züchtung wir er immer mehr verwässert.

Dem Prinzip der Natur entsprechen eigentlich besser die so genannten Populationen. Sie gehen auch auf Sorten zurück, sind im Laufe der Zeit durch Mutationen oder mehr oder weniger starke Einreuzungen zu einer gegenüber einer klassischen Sorte eher heterogenen Geminschaft von sehr ähnlichen bis relativ verschiedenen Pflanzentypen geworden

Populationen sind nicht so leicht eindeutig zu definieren. Sie können auf verschiedene sich miteinander verkreuzte Typen zurückgehen, wie dies zum Beispiel beim buntkörnigen Mais aus Südamerika der Fall ist. Bei diesem Beispiel steht gleich zu fragen, ob hier eigentlich jemals eine Sorte im Sinne der kommerzialisierten Landwirtschaft bestanden hat.

Aber auch eine normale Sorte im klassischen Sinne kann schnell zu einer Population werden, eben dann, wenn sich im Laufe der Zeit Veränderungen einschleichen und die Heterogenität verloren geht.

Warum nicht die Pflanzen die Freiheit lassen sich in uns nicht begründ- und erklärbaren Prozessen weiter zu entwickeln? Vielleicht liegt diesen Veränderungen ja sogar eine gewisse Weisheit zugrunde? Eine Weisheit, die die Natur im Laufe von Jahrmilliarden entwickelt hat.

Der Samenbauer würde sich dann nicht mehr auf strikten Sortenerhalt beschränken, sondern Populationen begleiten, in denen er nach seinen eigenen Gesichtspunkten, die für ihn interssantesten Typen als Samenträger auswählt.

Der Begriff der Sorte hätte dann nicht mehr etwas zwingend Konservatives, sondern würde es dem Samenbauer erlauben eingedenk des Ursprunges und der Tradition der Kulturpflanzenentwicklung genetische Vielfalt zu pflegen und weiter zu entwickeln.

Gemüse-Samenbau – Vortrag von Frank Adams im Haus der Natur – 22. März 2012

Den vollständigen Artikel könen sie unter dem Link evolutive Züchtung herunterladen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.